{"id":345,"date":"2013-11-09T13:59:32","date_gmt":"2013-11-09T13:59:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juerg-maurer.ch\/?page_id=345"},"modified":"2013-11-29T20:04:31","modified_gmt":"2013-11-29T20:04:31","slug":"texte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.juerg-maurer.ch\/?page_id=345","title":{"rendered":"Texte"},"content":{"rendered":"<h4>Aus \u201eNachkommenschaften\u201c\u00a0 | \u00a0\u00a0 Adalbert Stifter<\/h4>\n<p>So bin ich unversehens ein Landschaftsmaler geworden. Es ist entsetzlich. Wenn man in eine Sammlung neuer Bilder ger\u00e4t, welch eine Menge von Landschaften gibt es da; wenn man in die Gem\u00e4ldeausstellung geht, welch eine noch gr\u00f6ssere Menge von Landschaften trifft man da an, und wenn man alle Landschaften, welche von Landschaftsmalern unserer Zeit gemalt werden, von solchen Landschaftsmalern, die ihre Bilder verkaufen wollen, und von solchen, die ihre Bilder nicht verkaufen wollen, ausstellte, welch allergr\u00f6sste Menge von Landschaften w\u00fcrde man da finden! Ich rede hier gar nicht von den versch\u00e4mten T\u00f6chtern, welche in Wasserfarben heimlich eine Trauerweide malen, unter welcher irgendein bekr\u00e4nzter Krug steht, an dessen Fusse Vergissmeinnicht bl\u00fchen, welches Werk die Mutter zum Geburtstage erhalten soll; ich rede ferner nicht von den Erzeugnissen, welche reizende Frauen oder M\u00e4dchen von dem Dampfschiffe oder dem Fenster ihres Gasthauses aus in ihr Handbuch als Erinnerung eintragen; ich rede auch nicht von den Landschaften, welche Sch\u00f6nschreibmeister in ihre Verzierungen verflechten, noch von den P\u00e4cken Zeichnungen, welche allj\u00e4hrlich in den Fr\u00e4uleinschulen verfertiget werden, unter denen sich viele Landschaften mit B\u00e4umen befinden, auf denen Handschuhe wachsen \u2013 wenn man das alles hinz\u00e4hlte, so w\u00e4ren wir mit Landschaften \u00fcbersch\u00fcttet, und die Menschen m\u00fcssten verzweifeln. Nun, es sind der in \u00d6lfarben gemalten und mit Goldrahmen versehenen Landschaften schon genug. Und ich will nun auch noch so viele Landschaften mit \u00d6lfarben malen, als in mein noch \u00fcbriges Leben hineingehen.<\/p>\n<h6>Adalbert Stifter | Die sch\u00f6nsten Erz\u00e4hlungen Dritte Folge | Scientia &#8211; Verlag Z\u00fcrich 1949 | Seite 123<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6><\/h6>\n<h4>Aus der Vorrede zu \u201eBunte Steine\u201c\u00a0\u00a0 |\u00a0\u00a0 Adalbert Stifter<\/h4>\n<p>\u2026Weil wir aber schon einmal von dem Grossen und Kleinen reden, so will ich meine Ansichten darlegen, die wahrscheinlich von denen vieler anderer Menschen abweichen.<\/p>\n<p>Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Gr\u00fcnen der Erde, das Gl\u00e4nzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich f\u00fcr gross. Das pr\u00e4chtig einherziehende \u00a0Gewitter, den Blitz, welcher H\u00e4user spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches L\u00e4nder versch\u00fcttet, halte ich nicht f\u00fcr gr\u00f6sser als obige Erscheinungen, ja ich halte sie f\u00fcr kleiner, weil sie nur Wirkungen viel h\u00f6herer Gesetze sind.<\/p>\n<p>Nur augenf\u00e4lliger sind diese Erscheinungen, und reissen den Blick des Unkundigen und Unaufmerk\u00adsamen mehr an sich, w\u00e4hrend der Geisteszug des Forschers vorz\u00fcg\u00adlich auf das Ganze und Allgemeine geht, und nur in ihm allein Grossartigkeit zu erkennen vermag, weil es allein das Welterhaltende ist.<\/p>\n<h6>Adalbert Stifter | Vom Grossen im Kleinen | Scientia &#8211; Verlag Z\u00fcrich 1949 | Seite 26<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Aus dem 6. Winterbrief aus Kirchschlag\u00a0\u00a0 |\u00a0\u00a0 Adalbert Stifter<\/h4>\n<p>&#8230; Und wer es unternimmt, dem unermesslichen Leben unseres Himmelsgew\u00f6lbes mit seiner Betrachtung zu folgen, das Blau des heitern Himmels anzusehen, immer die Einsam\u00adkeit, und immer ein anderes, auf die Wolken zu blicken, wie sie werden, sich gestalten, sich ver\u00e4ndern, mit Lichtern oder sanften oder tiefen Schatten spielen, sich heben, t\u00fcrmen, sich verbinden, sich trennen, sich ausbreiten, in l\u00e4ndergrossen Fl\u00e4chen dahingehen oder in Streifen und Faden verschwimmen, wie sich Nebel bilden, wogen, wallen, mit Bergen in Um\u00adarmung liegen oder die Ebene als Meer bedecken oder an der Bergspitze als Wolken hin\u00adziehen und das Angesicht des Betrachtenden streifen, wie sich Regen, wie sich Schnee, wie sich Tau und Reif bildet, wie alles wechselt, lebt und wandelt: wer dieses ergr\u00fcnden wollte, dem w\u00fcrde f\u00fcr dieses scheinbar kleine Ding sein Leben nicht hinreichen.<\/p>\n<h6>Adalbert Stifter | Vom Grossen im Kleinen | Scientia &#8211; Verlag Z\u00fcrich 1949 | Seite 349<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Ausschnitt aus \u201eNaturstudie\u201c Band Seeland\u00a0\u00a0 |\u00a0\u00a0 Robert Walser<\/h4>\n<p>Namentlich kam mir stets der Wald, seltsam sch\u00f6n und reich und voll Phantasie vor. Immer meinte ich, da\u00df es von irgendwoher eigent\u00fcmlich t\u00f6ne und dufte, da\u00df bei\u00addes leise durcheinanderflie\u00dfe, indem nun der Klang einen sichtbaren Glanz und die D\u00fcfte einen bestimmten Ton angenommen h\u00e4tten. Geheimnisvoll stand ein altes Land\u00adhaus wie in sich selbst versteckt, dicht am dunklen, lieben Waldrand. Seinen h\u00fcbschen Platz schien sich das nette gute Geb\u00e4ude nach eigenem Wunsch gew\u00e4hlt zu haben. Mit entz\u00fcckendem, urwelthaften Schmelz sangen hie und da die Waldv\u00f6gel. Bald t\u00f6nte es wie Weh, bald wie Spott, bald wie Jubel, bald wieder wie \u00fcbervolle, \u00fcppig-lang\u00adgezogene Klage. Weh und Lust gingen als Gestalten freundlich hier- und dorthin, derart, da\u00df ich mir sagte, es t\u00f6ne hierherum nach Vergn\u00fcgen, dortherum nach wehm\u00fctigem Verzagen. Alles Get\u00f6ne drang wie aus dem Munde der Dunkelheit selber naturhaft hervor, und alle diese kleinen guten harmlosen V\u00f6gel schienen mit ihren s\u00fc\u00dfen Stimmen allen von jeher vorhandenen Welt\u00adschmerz, alles von jeher gef\u00fchlte Ungeheuere; Sch\u00f6ne zugleich und Schreckliche lieblich vergegenw\u00e4rtigen und verst\u00e4ndlich machen zu wollen. Das mit so schweren Ket\u00adten umklammerte, anmutige, reizgef\u00fcllte, schmerzge\u00adschm\u00fcckte Dasein war zum Gesang geworden, und alles Menschlich-Irrende kam zu wesentlichem Ausdruck. Die Erde selber schien ihr ureigenes Lied zu singen. Ganz nur noch Lauschen war ich, und indem ich lauschte, fiel von oben wundervolles Meeresrauschen in die Stille herab, die mich umgab. Die B\u00e4ume wollten bald drolligen, bald feierlichen Traumfiguren \u00e4hnlich sein. Allerlei hohe Tan\u00adnen winkten mir mit ihren langen \u00c4sten bedeutsam zu. Obwohl alles ruhig war, schien sich mir dennoch alles rundherum zu regen, hin und her zu schweben, auf und ab zu gleiten, in die H\u00f6he zu steigen und in unausme\u00df\u00adbare Tiefe hinabzusinken.<\/p>\n<h6>Robert Walser | Seeland | Suhrkamp Taschenbuch 1986 | Seite 64<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Reisebericht \u00a0 | \u00a0\u00a0 Robert Walser<\/h4>\n<p>Oh, wenn du doch oben auf dem Gipfel des Gebirges mit dabei gewesen w\u00e4rest, wohin ich nach einigen Ruhe\u00adpausen und mit Zusammenraffen aller disponiblen Kr\u00e4fte gelangte. Wunderbar in der Tat ist es dort oben. Der Himmel glich einem feurig-blau daherflie\u00dfenden Strom oder Meer, es wehte mich aus Westen ein so unver\u00adsch\u00e4mter, will sagen, rauher Wind an, da\u00df meine H\u00e4nde im Nu blau anliefen. Herrlich, so sage und wiederhole ich, ist es auf den Felsenkanten, von wo aus man in die Feme und Tiefe schauen kann, die von \u00fcberw\u00e4ltigender Sch\u00f6nheit sind. Berge sind wild und zugleich heiter wie K\u00f6nige, und wer auf einer Bergh\u00f6he steht, kann sich federleicht, d. h. fast wie von selber als K\u00f6nig Vorkom\u00admen. Ich jedoch stand zu allern\u00e4chst weniger wie ein F\u00fcrst und Feldherr da, sondern sank vielmehr wie ein armer Kerl h\u00f6chst erm\u00fcdet auf den gr\u00fcnen Boden, damit die zerbrochenen Kr\u00e4fte sich allm\u00e4hlich wieder zusammenfinden k\u00f6nnten. \u00dcber den Bergr\u00fccken legte sich eine mit fabelhafter Geschwindigkeit daher zu schleichen ge\u00adkommene m\u00e4chtige Wolke, die augenblicklich alle so\u00adeben noch sichtbar gewesenen hellen Gebilde derart ein\u00adh\u00fcllte, da\u00df alles brandschwarz vor den Augen war und ich keine Handbreit mehr um mich wahrzunehmen ver\u00admochte. Aber ebenso schnell, wie es sich verdunkelt hatte, wurde alles wieder hell und klar und freundlich. Unten im Abgrunde dehnte sich in zarten lichten Farben wie auseinandergezogenes Kinderspielzeug, zierlich, doch wieder unendlich gro\u00df, die Ebene mit ihren Fl\u00fcssen, W\u00e4ldern, H\u00fcgeln, Feldern, Seen und Ortschaften maje\u00adst\u00e4tisch aus. Die entz\u00fcckende, leicht durchzitterte, gr\u00fcn\u00adliche, wei\u00dfliche und r\u00f6tliche Feme glich einer weggewor\u00adfenen gigantischen Rose. Der stille Mittag \u00e4hnelte einer geheimnisvollen wei\u00dfen Mitternacht. Alle Weiden lagen vertr\u00e4umt, versonnen da wie Gedichte, worin von Berg\u00adeinsamkeit die Rede sein mag, und nah und fern standen alle Berge stumm und sch\u00f6n herum, wie ehrfurchtsgebie\u00adtende, riesenhafte Gestalten aus sagenreicher, schauervoller Geschichte. Ich bitte dich, dir die Pracht, die Lust, vor allem die herrlich-kalte Bergluft vorzustellen, die ein\u00adzuatmen ein Gl\u00fcck ist.<\/p>\n<h6>Robert Walser | Seeland | Suhrkamp Taschenbuch 1986 | Seite 38<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Das Orgelspiel des Himmels \u00a0 |\u00a0 aus \u00abDschuang Dsi\u00bb Buch II, 1<\/h4>\n<p>Meister Ki sprach: \u00abDie grosse Natur st\u00f6sst ihren Atem aus, man nennt ihn Wind. Jetzt eben bl\u00e4st er nicht, bl\u00e4st er aber, so ert\u00f6nen heftig alle L\u00f6cher. Hast du noch nie dieses Brausen vernommen? Der Bergw\u00e4lder steile H\u00e4nge, uralter B\u00e4ume H\u00f6hlungen und L\u00f6cher: sie sind wie Nasen, wie M\u00e4uler, wie Ohren, wie Dachgest\u00fchl, wie Ringe, wie M\u00f6rser, wie Pf\u00fctzen, wie Wasserlachen. Da zischt es, da schwirrt es, da schilt es, da schnauft es, da ruft es, da klagt es, da dr\u00f6hnt es, da kracht es. Der Anlaut klingt schrill, ihm folgen keuchende T\u00f6ne. Wenn der Wind sanft weht, gibt es leise Harmo\u00adnien, wenn ein Wirbelsturm sich erhebt, so gibt es starke Harmonien. Wenn dann der grause Sturm sich legt, so stehen alle \u00d6ffnungen leer. Hast du noch nie gesehen, wie dann alles leise nachzittert und webt?\u00bb<\/p>\n<p>Der J\u00fcnger sprach: \u00abDer Erde Orgelspiel kommt also einfach aus den verschiedenen \u00d6ffnungen, wie der Menschen Orgelspiel aus gleichgereihten R\u00f6hren kommt. Aber darf ich fragen: wie ist das Orgelspiel des Himmels?\u00bb<\/p>\n<p>Meister Ki sprach: \u00abDas bl\u00e4st auf tausenderlei verschiedene Arten. Aber hinter all dem steht noch eine treibende Kraft, die macht, dass jene Kl\u00e4nge sich enden, und dass sie alle sich erheben. Diese treibende Kraft: wer ist es?\u00bb<\/p>\n<h6>Dschuang Dsi | Verlag Eugen Diederichs Jena 1920 | Seite 11<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Beiseit<\/h4>\n<h6>Robert Walser | Die Gedichte | Suhrkamp Taschenbuch 1986 | Seite 22<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus \u201eNachkommenschaften\u201c\u00a0 | \u00a0\u00a0 Adalbert Stifter So bin ich unversehens ein Landschaftsmaler geworden. Es ist entsetzlich. 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